Letztes Fazit & Statement

Motorradreise 2013-14 Nordamerika & Mexiko I  Zentralamerika I Südamerika I

  • Gesamtreisedauer: 357 Tage
    mit Motorrad: 350 Tage
    ohne: 7 Tage
  • gefahrene Kilometer: 66403
  • Kilometerzähler Endstand: 96777
  • Länder: 18 mit Motorrad; 1 ohne (Rückflug über Puerto Rico)
  • Stürze/Umfaller: 2x & 7x (alles recht harmlos)
  • schönste Länder/Staaten: USA, Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica, Ecuador, Peru, Bolivien, Argentinien und Chile
    beste Länder/Staaten zum Fahren: Colorado, South Dakota, Mexiko, Guatemala, Peru, Bolivien, Nordchile, Patagonien
  • Reparaturen: Kardan, Kupplung, Kugellager, Drosselklappensensor, Federung, alle Blinker, Frontscheibenhalterung, Koffer, Spiegel
  • bevorstehende Reparaturen: Kofferhalterung; GPS Halterung; Koffer; Federung
  • Narben o.ä.: 3x Folgen der Stürze, 1x Korallenriff, 1x Verbrennung, Tinnitus
  • Reifen verbraucht: 3x Vorderreifen; 5x Hinterreifen
  • Fotos: 6423
  • genommene Fähren: ca. 8x

Es war ein warmer, sonniger Freitagmorgen, der letzte Tag meiner Reise. Andächtig und nachdenklich saß ich in einem kleinen Cafe in Santiago, trank meinen Cortado Doble und reflektierte noch einmal das Erlebte. Aus den Boxen des Cafes dröhnten Latinoschlager, einer nach dem anderen. Etwas was mich seit Mexiko die gesamte Reise verfolgte. Die Leute lieben einfach ihre heimische Musik und singen oft, ob sie es können oder nicht, lautstark mit. Der Lärm der Strassen war auch hier, wenngleich nicht so intensiv wie an anderen Orten, sehr präsent. Wenn nicht gerade ein Auto mit aufgedrehtem Reggaeton, der in meinen Augen fürchterlichsten, aber überall verbreiteten und beliebten Musik, vorbeifuhr, war irgendwo immer eine Hupe, eine Sirene oder der eindringliche Lärm einer Alarmanlage zu hören. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum jedes noch so schäbige Auto eine Alarmanlage hat, die bei der kleinsten Berührung ihren ohrenbetäubenden Lärm verbreitet. Denn so verlieren sie ihre Wirkung. Aber ich schien der einzige zu sein, den es störte.
Das Leben der Menschen der verschiedenen Länder Nord- Zentral- und Südamerikas (die USA ausgenommen) ist sich sehr ähnlich. Die Autofahrer fahren wie wahnsinnig, teilweise lebensmüde und bringen damit auch andere in Gefahr. Der Lebensstil ist deutlich entspannter als in unserer Gesellschaft, das Bedürfnis der Politiker, jede Kleinigkeit bis ins Detail zu regulieren, ist nicht vorhanden und Pünktlichkeit ist mancherorts ein Fremdwort. Die Unterschiede in der Lebensweise werden vom Wohlstand des Landes, den Bildungsmöglichkeiten, und auch von der Lage einer Region geleitet. Wo es eine schlechte Verbindung zum Rest des Landes gibt, wie in den Bergregionen sind die Leute meist deutlich ärmer als in anderen Teilen des Landes.
In den ärmeren Ländern wie beispielsweise Guatemala, El Salvador, Bolivien, sind die Menschen auf den Strassen und Märkten versammelt. Es herrscht ein buntes, manchmal hektisches Treiben und es war eine wahre Freude das zu erleben. An den Strassenständen wird gefeilscht und lautstark um die Kunden gebuhlt. Viele Bettler und besonders viele bettelnde Kinder sind auf den Strassen unterwegs. In den wohlhabenderen Ländern Südamerikas geht die Mehrheit der Leute eher in große Supermärkte und Malls, und im Schnitt ist es etwas sauberer.

Was die Sauberkeit sowohl in Unterkünften, Restaurants, und auf den Strassen betrifft, sollte man die heimischen Verhältnisse schnell vergessen und die Ansprüche deutlich reduzieren. Ob Schimmel, Dreck, Kakerlaken, defekte Stromanschlüsse, usw. Man findet von allem etwas und und ab und zu stinkt es zum Himmel.
In sämtlichen Restaurants, Bars, Cafes ist ein Fernseher präsent und versorgt die Menschen mit schlechtem Material. Die Programme sind weltweit gleich. Ob Telenovelas, Gerichtssendungen, uninteressante Dokus, Castingshows und massenhaft Werbung, die Verblödungsmaschinerie läuft auf Hochtouren.
Was mir besonders aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß es den Menschen in allen von mir bereisten Ländern an einem angemessenen Umweltbewusstsein mangelt. Verpackungen, Plastikflaschen, Dosen etc. sind dazu da, um die Umgebung damit zu schmücken. Teilweise werden ganze Müllsäcke aus den fahrenden Autos geworfen und landen am Strassenrand. Wenn sie dann nicht gleich aufplatzen sorgen die streunenden Hunde für die flächendeckende Verteilung.
Ich denke, man kann den Menschen nicht direkt einen Vorwurf machen und ich möchte es mir auch nicht anmaßen. Sie kennen es nicht anders und oft gibt es keinerlei organisierte Entsorgungsmöglichkeiten.
In meinen Augen, und hier möchte ich etwas ins Detail gehen, sind die Konzerne, die den Müll produzieren, und die Regierungen, die nicht genug dafür tun, den Menschen ein anderes Bewusstsein durch Bildung beizubringen, dafür verantwortlich.
Bei uns lief es nicht anders. Wir lernten durch die Vorbildfunktion in unserer Erziehung und den Schulen und durch politische Maßnahmen wie Mülltrennung und Recycling unser Bewusstsein zu ändern.
Was ich vorher nicht wusste ist, dass Firmen wie Coca Cola und Nestle einen Großteil der Plastikflaschen für Wasser in Umlauf bringen und ich bezweifle, daß es in ihrem Interesse ist, etwas an den aktuellen Umständen zu ändern. In vielen Ländern wird für Glasflaschen Pfand verlangt, nicht aber für Plastikflaschen. Kein Wunder, daß sie auf der Strasse landen. Plastiktüten werden gedankenlos verteilt, benutzt und weggeworfen. Viele enden in Seen, Flüssen und anschließend im Meer. Die gesamte Palette an Verpackungen ist durchweg aus Plastik hergestellt.
Ich kann in dem Zusammenhang nur noch einmal auf das Projekt Ocean Cleanup von Boyan Slat hinweisen. Es ist noch in der Testphase aber wir brauchen solche Menschen mit solchen Ideen.
http://www.boyanslat.com/

Abgesehen von dem ganzen Müll, der in der Landschaft landet, wird vielerorts die Natur rücksichtslos zerstört und mit Füßen getreten. Großkonzerne investieren in umstrittene Bauprojekte und bestechen korrupte Politiker, um ihre Zustimmung zu bekommen, Monokulturen zerstören die Artenvielfalt, Überdüngung die Böden und der Kahlschlag der Wälder die Lunge der Erde. Sicherlich sind diese Probleme weltweit vorzufinden, kommen dennoch besonders häufig in den ärmeren Ländern vor.
Beispielsweise in Peru werden von inländischen als auch ausländischen Minenkonzernen ganze Berge zerstört, die Einheimischen aus ihrer Umgebung verdrängt oder für ein bisschen Geld zu einem Umzug in eine ungewisse Zukunft animiert. Die Angst der Menschen, dass das Grundwasser verseucht wird und die Gegend unbewohnbar zurückgelassen wird, ist berechtigt, gerade auch weil die Sicherheitstandards in diesen Ländern gerne ignoriert werden. Die Jobs, die geschaffen werden, sind nicht immer langfristig, stehen in keinem Verhältnis zu dem entstehenden Schaden und betreffen oft auch nicht die dortige Bevölkerung.
http://articles.latimes.com/2013/sep/21/world/la-fg-wn-peru-mining-projects-humala-20130920

Ein wesentlicher gesellschaftlicher Wandel ist notwendig, um unseren Nachkommen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen und er wird nur funktionieren, wenn wir Verzicht üben und unser Bewusstsein für die Zukunft schärfen, Regierungen und Konzerne aufhören, nach permanentem Wachstum und Profit zu streben und Menschen nicht ihre Ideale verkaufen.
Ein weiteres aktuelles Beispiel ist Brasilien und die Austragung der WM. Alles wird für die Reputation getan, aber es ändert für die Mehrheit der Menschen wenig.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/scheinfriede-in-rio-de-janeiros-armenvierteln-a-906587.html

Das Gute ist, dass es mehr und mehr Firmen gibt, die eine nachhaltige Unternehmensphilosophie vertreten und immer mehr Leute, die aufwachen und sich gegen dieses manipulative System zu wehren versuchen. Ob durch Demonstrationen, Petitionen oder Boykott. Auch wenn das nur ein kleiner Hoffnungsschimmer ist, ist es besser als Resignation.

Nach einem Jahr unterwegs, auf und neben den Strassen Nord-, Zentral- und Südamerikas folgte mein Rückflug nach Deutschland.
Für mich war diese Reise, dieses Jahr eines der Besten meines Lebens und wird mir immer in Erinnerung bleiben. Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich so nie gesammelt hätte, habe wieder gelernt geduldig zu sein, mich und die Welt besser kennengelernt, auch wenn ich noch vor vielen Rätseln stehe.
Ich war an wunderbaren, schönen und einsamen Orten und weiß diese intensiven Erfahrungen zu schätzen. Es war traumhaft durch die Berge, die Wüsten, die Steppen, entlang von Flüssen, Seen und Vulkanen zu fahren, dem Sound des Motors zu lauschen und die Freiheit auf den abgelegenen Schotterstrassen sowie die Umgebung zu genießen.
Was besonders eindrucksvoll war, waren die amerikanischen Nationalparks, Baja California und der Süden Mexikos insbesondere die Lagune Bacalar, die Ruinen der Mayas wie Chichen Itza, Tikal oder Copan, der Kaffee in Zentralamerika, Ometepe in Nicaragua, die Überfahrt auf der Stahlratte von Panama nach Kolumbien, der Quilotoa in Ecuador, die Anden, das bolivianische Altiplano, die anstrengenden Fahrten mit Jonathan, die Deathroad, Uyuni und die Atacama, Patagonien und die Gletscher, die Routa 40 und die Routa 3 durch Argentinien, das tropische Klima, die heftigen Regenschauer, der Sternenhimmel, Zelten inmitten der Natur, die Herausforderungen, die Menschen ihren Stolz und ihre Traditionen und vieles mehr.
Wenn ich mir im Nachhinein die Videos im Blog vom Anfang meiner Reise anschaue und sehe, mit welchem Gefühl ich auf den ersten Offroadstrecken unterwegs war, kann ich nur lachen. Ich dachte immer wieder im Verlauf der Reise, dass es keine Steigerung mehr geben könnte. Aber es gab sie und zwar immer wieder.
Ich traf auf unglaublich viele nette Menschen mit ihren Geschichten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Einheimischen waren überwiegend sehr zuvorkommend, freundlich und interessiert, halfen mir in speziellen, oft problematischen Situationen immer weiter, oft ohne etwas zu verlangen. Diese Erfahrungen waren in den ärmeren Ländern besser als in den wohlhabenderen.
Es war sehr befreiend ohne Handy unterwegs zu sein und sich nicht dem Klingelton unterwerfen zu müssen.
Glücklicherweise blieben mir negative Erfahrungen, wie Überfälle oder Diebstahl erspart. Von anderen Reisenden bekam ich ab und zu anderes erzählt. Wer nicht aufpasst wird schnell zum Opfer.

Mein Lebensmotto wurde wieder einmal bestätigt. Living life to the fullest in that space and time… die nächste Reise kommt bestimmt.

Danke an alle die mich während der Reise unterstützt haben. 1 Love!
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